Der verlorene Klang
Veröffentlicht von Heinz J. Kalscheuer in Bücher, Klavier, Musik, Technik, Frauen, · Donnerstag 27 Nov 2025 · 4 Minuten
Tags: Klavierbauer, Klang, Musik, Instrumente, Handwerk, Tradition, Klavier, Akustik, Verlust, Leidenschaft, Buch, Rezession, Buchbesprechung, Inhaltsangabe
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Knize, Perri:
Der verlorene Klang: die Geschichte einer Leidenschaft / Perri Knize
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Deutsche Erstausgabe. München: dtv, 2013 · 541 S.ISBN 978-3-423-24995-9
Aber nun zum Inhalt.
Frau Knize hat als Kind einmal Klavier gespielt. Obwohl ihr Vater Berufsmusiker war, konnte sich die Familie kein eigenes Klavier leisten (logisch!) und sie musste im Pfarrheim der ortsansässigen Kirche üben. Im fortgeschrittenen Alter kommt sie zufällig in New York an einem Klaviergeschäft vorbei, spielt dort auf einem Flügel des deutschen Herstellers Grotrian-Steinweg und ist sofort in den Klang verliebt. Das Instrument gehört ihr zwar noch nicht, bekommt aber schon beim zweiten Besuch im Laden den Namen „Marlene“ verpasst (warum auch immer). Gesagt, getan, gekauft.
Dummerweise wohnt Frau Knize aber nicht in New York, sondern im 100.000 km (kleiner Scherz) entfernten Montana in den Bergen. Die Lieferung erfolgt mit dem Zug, deshalb ist der Flügel in eine Holzkiste eingepackt. Am Zielbahnhof angekommen, herrscht dort tiefster Winter. Trotzdem schafft Perri Knize es nicht, rechtzeitig dafür zu sorgen, dass „Marlene“ am Bahnhof abgeholt wird, weshalb das wertvolle Stück drei Tage bei Eiseskälte auf der Verladerampe stehen bleiben muss. Irgendwie kommt der Flügel dann doch noch zu den Knizes ins Haus, und sie findet sogar einen in der Nähe ansässigen Klaviertechniker (siehe meinen kurzen Essay zum Konzertstimmer), der ihn aufstellt und stimmt.
Und dann geht das Desaster los. Beim ersten Spielen stellt sie fest: „Der Flügel hat seinen Klang verloren.“ (Kann sein, kann auch nicht sein. Schließlich ist das Zuhause nicht das Klaviergeschäft, wo der Flügel ausgesucht wurde; Montana ist nicht New York, und man stellt ein hochwertiges, teures und filigranes Musikinstrument nicht drei Tage im Winter am Bahnhof ab. Schon daraus ergeben sich erhebliche akustische und auch physikalisch feinmechanische Differenzen.) Frau Perri ist fassungslos! Nun gut. Nach langem Hin und Her kommt jemand aus dem Geschäft in New York angereist und stimmt und wartet den wertvollen Grotrian-Flügel noch einmal. Und siehe da: Der gute Klang ist zurück.
Nur leider nicht von Dauer. Entweder liegt es am Klima oder am Klaviertechniker, der den Flügel zuerst zu Hause gestimmt hat, oder eben an Frau Perri Knize. Sie verzweifelt! Aber da hat der örtliche Klaviermann natürlich eine super Idee: Es liegt an den Hämmern! Und siegessicher leimt der Klaviertechnikkünstler am fabrikneuen Flügel einer überempfindlichen Kundin schnurstracks neue Hammerköpfe auf die vorhandenen Stiele. (Clever wäre gewesen, er hätte auch neue Stiele verwendet, um bei Bedarf die alten Hämmer wieder in die Mechanik schrauben zu können.) Der Austausch hat (vorhersehbar!) nichts gebracht, außer – und wir kürzen hier ab –, dass Frau Knize jetzt gänzlich auf den Plan gerufen ist, sich (ihrer Meinung nach) wissenschaftlich mit dem Klavierbau, insbesondere bei Grotrian-Steinweg, zu beschäftigen. Und da das alles noch nicht genug ist, hat die Dame die Kühnheit, als völlige Klavierbaudilettantin nach „good old Germany“ zu reisen, um vier Wochen lang als Praktikantin allen Mitarbeitern in der Klavierfabrik in Braunschweig gehörig auf den Zeiger zu gehen, weil sie ja den Klang sucht. Ich habe mich seinerzeit mit dem damaligen Chefkonstrukteur von Grotrian, Burkhard Kämmerling, unterhalten. Seine sinngemäße Antwort: "Die gesamte Belegschaft hat Kreuzzeichen gemacht, als die gute Frau schließlich weg war." Der Rest steht im Buch.
"Die Geschichte einer Leidenschaft": Schrecklich. Rausgeworfenes Geld. Vertane Lesezeit.